Lehren im Land des Lächelns (V 4000)

Mario zur Löwen (44) arbeitete seit 2008 am Augustinergymnasium in Friedberg. Doch dem Florstädter Oberstudienrat wurde die beschauliche Wetterau zu klein. Über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen bewarb er sich für eine Tätigkeit als Auslandsdienstlehrkraft. Es folgten Angebote aus Rumänien (Timisoara) und China. Mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet unterrichtet er seit dem 1.9.2023 am EuroCampus der Deutschen Schule Shanghai.

„Innerhalb weniger Wochen steige ich nun von einer Kreidetafel auf einen volldigitalisierten Unterricht um. Schulbücher liegen mir als Ebook vor und morgens kann ich in die Schule locker mit meinem Surface im Rucksack per Leihfahrrad radeln“, schwärmt Mario zur Löwen von seinem neuen Arbeitsplatz an der deutschen Schule Shanghai. Sein Fazit gleicht einer Zeitreise: „Alles in allem fühle ich mich derzeit von einer Vergangenheit in die Zukunft gebeamt.“

Bereits in der Einführungswoche nimmt der Pädagoge die zentralen Säulen des Lernkonzepts wahr. Eine gelebte Willkommenskultur mit vielen Veranstaltungen und Aktivitäten auch außerhalb des Unterrichts gehören dazu wie eine weitreichende Digitalisierung des Lernens. Videokonferenzen unter Lehrern oder mit Eltern sind Standard, den Unterricht kann er vollständig in OneNote abbilden. Schüler wie Lehrer können so auf ein digitales Notizbuch in Echtzeit zugreifen. „Es ist schon schön, wenn sich durch das Drücken von zwei Knöpfen das eigene Surfacegerät mit dem Beamer verbindet und der Unterricht direkt starten kann“, freut sich zur Löwen. Was er auf seinem Laptop mit Touchscreen schreibt, erscheint direkt auf dem Whiteboard oder dem Tablet der Schüler.

Zur Löwen unterrichtet Ethik und Geschichte ab der 5. Klasse, seine Schüler legen ein deutsches internationales Abitur mit der Zulassung zu weiterführenden Studiengängen ab. Die Klassen sind mit circa 14 Schülern klein und ermöglichen so ein intensives personalisiertes Lernen. Das Förderkonzept basiert auf einer ganzheitlichen Entwicklung der Fähigkeiten und Bedürfnisse von der Kita bis zum Abitur. Eine weitere Besonderheit ist der klassenübergreifende Unterricht in den Fächern Englisch der Klassen 7 bis 9, Deutsch und Mathematik der Klassen 8 und 9.

Die Eltern haben meist einen universitären Hintergrund und arbeiten bei Niederlassungen deutscher Unternehmen oder Organisationen. Viele Familien sind hybrid mit deutschen und chinesischen Eltern. Sie schätzen diese internationale Insel der deutschen Kultur und zahlen hierfür nicht wenig: 25.000 € pro Jahr sind das Minimum.

Mit Handy-App und QR-Codes meistert zur Löwen die Tücken des Alltags. Dem Friseur zeigt er ein Foto der gewünschten Frisur und bezahlt kommunikationslos in 4 Sekunden. Um die Ecke lassen zwei nette Schuhverkäuferinnen das Shopping zum Erfolgserlebnis werden. Schließlich müssen die Florstädter Schuhe in chinesische Größen umgerechnet werden. Kein Einzelfall, denn so freundlich, respektvoll und hilfsbereit habe ich die Chinesen im Umgang miteinander und mit Fremden immer erlebt.“

Auch das durchdigitalisierte China hat zur Löwen kennen gelernt. Zur Grippeimpfung fuhr er ins Healthcenter. Das sind die Außenstellen der Krankenhäuser in einem System, das keine niedergelassenen Ärzte kennt. Bei Krankheitssymptomen geht’s in eine der beiden Einrichtungen. Die Terminvergabe erfolgt digital, die Untersuchungen werden an einem Tag abgearbeitet. Also quasi Zahnarzt, HNO und Augenarzt hintereinander und die Facharzttermine mit dem MRT noch obendrauf.

„Und wenn die Digitalisierung nicht funktioniert, hat die Ursache deutsche Wurzeln“, scherzt zur Löwen. „Anstatt mein Gehalt zumindest teilweise auf ein chinesisches Konto zu lenken, überweist der deutsche Staat ausschließlich auf mein deutsches Konto.“ Also hebt er einen Teilbetrag am Geldautomaten ab, um diesen dann an gleicher Stelle auf sein chinesisches Konto einzuzahlen.

Der 23. Stock einer Wohnanlage mit Blick auf Hafen und Jangtsekiang ist sein neues Zuhause. Nach viereinhalb Wochen Unterricht lies ihm die Golden Week, das sind die Herbstferien, Zeit zum Sightseeing. Nach vier Monaten sind wieder Ferien und zur Löwen besucht Freunde und Familie in der Wetterau. Im Gepäck hat er viele neue Eindrücke, dabei aber immer den schulischen Vergleich vor Augen. Eine hohe Wertschätzung der Lehrer durch die Schüler gepaart mit einer hohen Identifikation mit dem Leitbild der Schule und ein großes Engagement über den Unterricht hinaus. Um ein Fazit gebeten gerät er wieder ins Schwärmen: „Dafür ist die Zusammenarbeit viel tiefgründiger und die Ausstattung der Schulen wirklich ein Traum.“

Textbox: Deutsche Schule Shanghai Yangpu (DSSY)

Die Deutsche Schule Shanghai (DSS) ist eine der größten weltweit und mit dem Gütesiegel „Exzellente Deutsche Auslandsschule” von deutschen Schulbehörden ausgezeichnet. Die Unterrichtssprache ist Deutsch. An zwei Standorten bietet sie nach dem Lehrplan des Bundeslandes Thüringen Bildung für über 1100 Kinder und Jugendliche. Die Schule in Yangpu (DSSY) mit rund 300 Schülerinnen und Schülern führt vom Kindergarten bis zum Abitur in der zwölften Klasse. Das Schulmotto „Willkommen heißen – Gemeinschaft erleben – Welt entdecken“ wird im Schulalltag aktiv gelebt und umgesetzt. Seit dem Januar 2020 teilt sich die DSSY gemeinsam mit der Französischen Schule, dem Lyceé Français de Shanghai, einen neuen EuroCampus im Stadtteil Yangpu.

Foto 1: Mario zur Löwen im Schulalltag: Das Leitbild erfordert darüber hinaus die Teilnahme an Konferenzen, repräsentativen Terminen oder vielen lokalen Festen.

Foto 2: Die markante Skyline der Stadt mit dem 632 m hohen Shanghai Tower, dem Jin Mao Tower und dem Flaschenöffner, Kosename des World Financial Towers hat es ihm angetan: „Ich liebe es, hohe Türme zu befahren oder hinauf zu krabbeln.“


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