“Es muss rocken, aber mit Struktur“

Ungebrochene Resonanz: Zweites Open Air Konzert des Musikverein Harmonie am Bergwerksee

Reichelsheim (hh). „Wer Menschen unter freiem Himmel begeistern will, braucht mehr als gute Noten“, resümierte Andreas Schmidt, Dirigent und Vorsitzender des Musikvereins Harmonie Dorn-Assenheim, das zweite Open-Air-Konzert am Bergwerksee. Dabei bewies sein Orchester einmal mehr, dass Blasmusik weit mehr kann als unterhalten: pointiert, mutig, fein ausbalanciert, mit Gespür für Klang, Dramaturgie und Atmosphäre. Der Einsatz von Alphorn und E-Gitarre zeigte die Vielseitigkeit der Musiker, die ihre Stücke wirkungsvoll in Szene setzten. Oder in den Worten Schmidts: „Man muss die Leute überraschen.“

Maren Guckelsberger, Berthold Schäfer und Helmut Weitz lieferten die Übergänge zwischen den Stücken – wie immer pointiert, eloquent charmant. Das Orchester nutzte bereits die erste Vorlage und gab mit „Gloria Patri“ ein klangstarkes Bekenntnis, das für die erste Gänsehaut des Abends sorgte.

Das Herz des Programms bildeten die Polkas mit Hang zum böhmischen Mosch-Hutter-Genre, aber klanglich überraschend vielfältig. Hinzu kam mit „Rosamunde“, dem Gassenhauer mit dem Sparkassenbuch, keine Schunkelnummer daher, sondern eine elegante Hommage an die goldene swingende Blasmusik-Ära.

Dann punktete die „Katharinenpolka“ mit rhythmischen Feinheiten und einem verschmitzten Augenzwinkern. Denn die Schöne – lebendig, quirlig, interessant – fordert ausnahmslos alle Register. Und das „Liebespärchen“? Das virtuose wie witzige Zwiegespräch für Klarinette und Tenorhorn schaffte es nicht umsonst auf Schmidts Favoritenliste. Dass dabei beide Facetten gleichermaßen gekonnt intoniert wurden, versteht sich bei der Harmonie von selbst.

Jazzige Einwürfe, rhythmische Brüche voller Energie und ordentlich Drive: das war „Maxglaner Reloaded“. „ Ein Wahnsinnsstück“, schwärmt Schmidt, „und ein echtes Abenteuer für die Rhythmusgruppe.“ Das Lob galt auch dem lupenreinen Solo der Klarinetten. Noch bei der Generalprobe hakte das Timing. „Aber im Konzert war’s dann einfach nur klasse.“ Hier zeige sich, so Schmidt, „ob ein Orchester auch spontan die Spannung halten kann.“

Ein Hingucker und Hinhörer. Und eine Rarität allemal: Bei der „Pregitzer Alphornpolka“ treten drei dieser Instrumente als Solisten in einen Dialog mit dem Blasorchester. „Das hat keiner, das muss man machen!“, lobte Schmidt „seine Allrounder“ Jonas, Martin und Michael Dönges, die bei ihrem Auftritt ein starkes Ausrufezeichen setzten.

Die Klarinetten wurden zur Tastatur, Trompeten und Posaunen trugen die Melodie und der knackige Bass kam von Schlagzeug und tiefen Registern. Wobei das Schlagzeug mit eigenen Akzenten das Klangbild veredelte. Die Harmonie verstand es, den ikonischen Synthesizer-Sound der Beverly Hills Kultmelodie aus den 80ern ohne Elektronik authentisch abzubilden.

Spielfreude und rhythmische Standfestigkeit bewiesen die Musiker auch im Rock-Metier. Das Medley „Hey Tonight“ lebte von präzisen Wechseln und dramaturgischen Aufbau vom lockeren Einstieg bis zum druckvollen Finale. Besonders „Rockin‘ all over the World“ beeindruckte: mit E-Gitarren Sound zeigte Jens Mayer, warum der Klang von Status Quo noch heute Kultstatus besitzt. In „Rock It!“ legte das Schlagzeug den Puls, während die Register klug Spannung übereinander schichteten. Oder wie der Dirigent sagte: „Es muss rocken – aber mit Struktur.“

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Ein weiterer Glanzpunkt war „Don’t Stop Me Now“. Eine der schwierigsten Nummern im Programm – musikalisch gewagt und rhythmisch vielschichtig. Dabei die Solisten Michael Dönges und Marius Münch im Dauereinsatz. Doch das Ensemble meisterte Tempo, Dynamik und Ausdruck mit Bravour. Queen zu spielen – und dabei musikalisch zu bleiben – das war ein Wagnis. Aber ein lohnendes.

Stilistisch schlug die Harmonie noch Brücken in die USA, in der Militärmusik ebenso wie zum Pop mit dem Jahrhundert-Ohrwurm „Sweet Caroline“. Erwähnt sei noch das ergreifende „Bella Ciao“. „Ich wollte einen stillen Konzertabschluss vor der in der Abendsonne versunkenen Silhouette des Bergwerksees.“ Auch das gelang – mit Feingefühl und viel Raum für Wirkung.


Der Musikverein Harmonie beim zweiten Open Air am Bergwerksee: Dirigent Andreas Schmidt zeigte sich stolz auf die Leistung des Orchesters, das stilistisch sehr unterschiedlich geforderte Titel mit souveräner Lockerheit präsentierte.
Eine echte Rarität im Programm: Jonas, Michael und Martin Dönges (von links) am Alphorn im Dialog mit dem Blasorchester der Harmonie. Es ist auch ein Kontrast der Naturtöne mit dem satten Sound des Orchesters.

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